Engagierte Neutralität statt polarisierender Anklage

Gegenwärtig ringen in den sozialen Medien solidarische und autoritäre Netzwerke miteinander um die Deutungshoheit. Manchmal fällt es schwer, zu durchschauen, welche Agenda von wem verfolgt wird.

Vielleicht versuchen tatsächlich irgendwo Leute mit Macht und Geld ihren Einfluss mit Hilfe von Verschwörungen gelten zu machen. Aber eine Verschwörung kann nur funktionieren, wenn sie geheim ist. In offenen, transparenten Strukturen kehrt sich der Versuch in das Gegenteil um.
Deshalb kreieren diejenigen, die von Verschwörungen profitieren, beständig neue Verschwörungstheorien. Sie beschuldigen andere, um von sich selber abzulenken. Sie vereinfachen globale Zusammenhänge. Ihr Ziel ist es, Verwirrung zu stiften.
Vor allem aber Verneinen sie die Wirkung von kollektiver Kooperation. Die Fähigkeit der Menschen zu Reflexion und Gemeinwohl wird in Frage gestellt. Genau hieran lässt sich das Wirken der autoritären Kräfte am besten erkennen.

Manch einer redet von Meinungsfreiheit, Menschenrechten und der Souveränität des Einzelnen, aber das ist oft nur eine Fassade. Diese Begriffe drücken eine Haltung aus, die auf Solidarität und Toleranz beruht.
Toleranz ist nicht möglich, wenn Intoleranz toleriert wird. Meinungsfreiheit benötigt die Akzeptanz, ja sogar die Wertschätzung gegenüber dem Andersdenkenden. Und Menschenrechte sind keine Rechte, wenn sie nicht alle Menschen - in den Flüchtlingslagern genau so wie in Kriegsgebieten - mit einbeziehen.

Neutralität ist den Verschwörungstheoretikern fremd, weil sie davon ausgehen, dass das Individuum nicht souverän sein kann, sondern beherrscht werden muss.
Für Yogis ist Neutralität ein wichtiger Baustein der Erkenntnis, der den entscheidenden Unterschied machen kann, um aus dem eigenen „Loop“, den Kreisen um das eigene Ego aussteigen zu können.
In einem Erkenntnisprozess wird eine Meinung oder ein Statement eingenommen (1). Anschließend kommt es zu einem Gegenstandpunkt (2) von jemandem anderen. Beide Standpunkte werden nun im eigenen Wertesystem einsortiert (3) und stoßen dort entweder auf Resonanz oder Ablehnung.
Der Verschwörer/ die Verschwörerin verneint ein solidarische Miteinander und weigert sich, das Kollektiv mitzudenken. Dadurch wird das Ringen um Kooperation und Kompromisse unmöglich.
Jetzt beginnt der Loop. Da es keine Lösung gibt, Kreisen die scheinbar entrechteten um sich selbst. Sie fallen automatisch aus dem Erkenntnisprozess heraus und beginnen wieder von vorne (1).
Yogis bemühen sich hingegen um Integration. Auch wenn sie selber zuvor eine klare Haltung eingenommen haben, von der sie nicht abweichen werden, so versuchen sie dennoch, eine gemeinsame Lösung zu finden. In der Neutralität (4) wird ein Raum geschaffen, der eine Transformation (5) ermöglicht.
Damit steigen sie aus dem Spiel des Egos aus und erweitern den Horizont um eine neue Perspektive.

Der Anspruch auf Neutralität schafft Vertrauen. Allerdings ist der (oder das) Neutrale ständig der Gefahr ausgesetzt, vereinnahmt oder ausgenutzt zu werden. Dies ist vergleichbar mit einem blockfreier Staat, der den Interessen der polarisierten Großmächte wenig entgegen zu setzen hat.
Erst wenn eine neutrale Großmacht entstehen würde, gäbe es eine Hoffnung auf objektive Informationen. Ob diese entsteht hängt von dem Bewusstsein der Individuen ab. Wer die Menschen als korrupt und egoistisch wahrnimmt, hat kein Vertrauen in Neutralität, sondern sucht das Heil in autoritäre Strukturen. Erst das Vertrauen in einen solidarischen Urgrund könnte ein System etablieren, dass auf Kooperation beruht und Neutralität als Chance erkennt.

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